Aus dem Roman "Listen"

Kapitel 1 / 2 Über Listen

   Rochen konnte sich noch gut an seine ersten Listen erinnern - diese spannenden, sich ständig verändernden Ansammlungen von Worten, Fakten, Namen, Daten und Zahlen. Schon als sehr junger Mensch war Rochen an Tabellen und Statistiken interessiert. Kaum, dass er lesen konnte, verschlang er naturwissenschaftliche, vor allem zoologische Bücher. Rochen liebte die genaue Schilderung der Tiere, die exakte Kategorisierung der Arten, die minuziöse Erklärung von Lebensräumen, Überlebensstrategien, Nahrungsaufnahme und Paarungsritualen. In kürzester Zeit nahm die Anzahl der Bilder in seinen Büchern deutlich ab und die Länge der Texte zu. Allerdings waren ihm die Buchstabenwüsten etwa eines Karl May, in denen seine Altersgenossen mit offenem Mund geistig verdursteten, von Anfang an fremd. Auch später zierte wenig Prosaisches sein Bücherregal.

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   Mit zunehmendem Wissen begann Rochen bald, eigene Listen zu erstellen. Seine erste Tabelle listete die Größe einzelner Tierarten vom Einzeller bis zum Blauwal auf. Dabei ging er nicht von den Maximalmaßen einzelner Exemplare, sondern von der durchschnittlichen Größe der Spezies aus. Er ließ es sich auch nicht nehmen, bereits ausgestorbene Tiergattungen in dieser Liste zu berücksichtigen. Sie umfasste bald mehr als vierzig Din-A4-Seiten und trug mit dazu bei, dass der damals neunjährige Rochen bei Gleichaltrigen oft auf Unverständnis stieß.

 

   Ein frühes Hauptwerk war seine "Stadt-Liste", in welcher er die Einwohnerzahl sämtlicher Städte mit mehr als 100.000 Menschen erfasste. Mit Hilfe eines Hauslexikons trug er die Populationen von Aachen bis Zürich akribisch ein, ordnete sie nach Größe und verabsäumte dabei nicht, Städte der so genannten Dritten Welt aufgrund der dort herrschenden Landflucht mit einem 20%-Bonus zu versehen. Diese Liste sollte Rochen bis ins Erwachsenenalter immer wieder aktualisieren.

 

   Nach Zoologie und Geografie begann er sich schließlich für Geschichte zu begeistern. Während seine Altersgenossen erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und diversen Genussmitteln machten, beschäftigte sich Rochen mit der schier endlosen Zahl historischer Ereignisse. Er bewunderte vor allem die karge Klarheit der Antike. Doch auch das dumpfe Chaos des Mittelalters sowie der scheinbar willkürliche Wechsel von Krieg und Frieden sowie das perfide Ränkespiel von Vertragsabschlüssen und -brüchen späterer Jahrhunderte faszinierten ihn.

 

    "Meine Lebensschule", sagte er später, "Mir wurde klar, dass nichts, absolut nichts unmöglich ist. Alles kann passieren. Wenn man die richtigen Komponenten kennt, muss es zwangsläufig passieren."

 

 

Kapitel 4 /1 Jugendlieben

   Rochen wurde als Sechzehnjähriger von seinen älteren Freunden bei einem Fest gleichsam dazu gezwungen, mit Uri, einer ob ihres Männerkonsums in Heimstadt berüchtigten jungen Dame, zu schlafen. Von ein paar zaghaften Küssen abgesehen, war Rochen im Umgang mit Mädchen völlig unerfahren und sträubte sich erst vor dieser Zwangsbeglückung. Schließlich jedoch siegte die Neugier über die Feigheit, vor allem, weil ihm zugesichert wurde, dass sein Beischlaf-Debüt von neugierigen Blicken unbehelligt über die frisch bezogene Bühne gehen werde. Nur kurz währten die anfänglichen Schwierigkeiten und Rochen fand bald Gefallen an dieser für ihn neuen Beschäftigung. Auch seine Partnerin zollte ihm Lob und schrieb ihm wenige Tage später einen 20-seitigen Liebesbrief in Kurrentschrift, den er nicht beantwortete.

 

   Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich Rochen zum regelrechten Frauenhelden. Noch vor seinem achtzehnten Geburtstag verführte er

 

   hatte unfassbar viele Schamhaare (ein körperliches Merkmal, das Rochen sein Leben lang schätzen sollte), war belesen (was er ebenfalls schätzte) und sprach nur, wenn es unbedingt sein musste (auch schön). Doch viele Jungs begehrten das haarige, schweigsame Ding und so verlor er Kirsten an einen ihm körperlich überlegenen Teenager.

 

   eine extravagante, erst fünfzehnjährige Schönheit mit absolutem Gehör. Eine ihrer Marotten war, nie eine Binde oder ein Tampon zu benutzen, sodass halb Heimstadt immer über ihren Zyklus Bescheid wusste. Die Verschrobenheit war vererbt. Sarahs Mutter behauptete, in direkter Linie von einem Pharao abzustammen. Dennoch trug auch sie keine Binden.

 

   die erste und letzte Frau, die Rochen entjungferte. Ein grauenvolles Ereignis. Rochen bemerkte es erst gar nicht und wunderte sich, dass Claudia weinte. Als er nach dem Grund fragte, weinte sie noch mehr. Später fing sie jedes mal zu weinen an, wenn Rochen mit ihr schlief. Schließlich weinte sie schon, wenn sie ihn nur sah.

 

   die just einen Tag, nachdem sich Rochen stürmisch in sie verknallt hatte, ihr junges Leben auf dem Beifahrersitz eines Kleinwagens aushauchte. Er tröstete sich mit

 

   ein kettenrauchendes, elfenhaftes Wesen. Sie liebte Rochen voller Hingabe, zeigte aber sonst für kaum etwas Interesse. Während einer Skisprung-Übertragung nervte sie Rochen, indem sie sich allen Ernstes erkundigte, worum es denn bei dieser Sportart gehe. Da sie wenig später in einer geselligen Runde auch noch die in Heimstadt mittlerweile legendäre Frage "Hat Hitler denn keine Kinder gehabt?" stellte, ließ Rochen von ihr ab und traf

 

   die nicht nur die einzige Tochter eines äußerst wohlhabenden Vaters war, sondern auch schon Erfahrungen mit Drogen hatte. Auf einer von Giselas zahlreichen Partys rauchte Rochen seinen ersten Joint und reagierte auf einen Kuss seiner Freundin mit einem halbstündigen Lachkrampf. Sie trennte sich deshalb von ihm (und nicht, wie er erst annahm, wegen seiner damals sehr wuchernden Pubertäts-Akne).

 

    So richtigen Sex lernte Rochen aber erst während seiner Studienzeit kennen. Er traf Eigen.