Kurzgeschichten

Das Loch

Ich war fassungslos, als ich das Loch zum ersten Mal sah. Zwar hatte ich Bregenz vor fast 50 Jahren verlassen, aber meine Erinnerung blieb in all der Zeit lebendig: Die Blumen und tag heuer replica watches Bäume am Ufer, das Kräuseln der Wellen im See, aber auch die heimeligen Fußgängerzonen mit ihrem vor allem im Sommer fast komisch anmutenden Widerspruch zwischen Touristenmeile und Kleinstadtidylle. Natürlich suchte auch der aktuelle Anblick seinesgleichen: Manchmal sanft, oft aber auch unerwartet steil ging es hinunter, 250 Meter tief. Die Hänge waren kahl und leblos. Die Millionen Fische und Wassertiere - wie auch die 43 Leichen, die man gefunden hatte - waren schon lange Dünger, einzig zahlreiche Insekten und ein paar Nagetiere huschten über den ausgetrockneten Schlamm. Die Menschen hatten natürlich alles, was nicht niet- und nagelfest und noch irgendwie zu gebrauchen war, aus dem Loch geholt. All der vermeintliche Müll der letzten zwei Jahrhunderte war jetzt wertvoller Rohstoff. Von der Faszination und dem Tourismusboom der ersten "trockenen" Jahre - die Stadtväter hatten Besichtigungsstege bis weit in das Loch hinein gebaut – war nicht mehr viel zu spüren. Kaum jemand wollte mehr in die gähnende Leere blicken oder das Museum, in dem das frühere Ufer und die historische Flotte auf Wandbildern zu bewundern war, besuchen. Ich blickte nach hinten, betrachtete Bregenz mit seinen mittlerweile nur noch knapp 7000 Einwohnern. In Lindau, Konstanz und Rorschach das gleiche Bild. Es war, im Nachhinein betrachtet, keine gute Idee gewesen. Wir hätten den See, der doch den Charme dieser Städte ausmachte, behalten, sogar um ihn kämpfen müssen. Aber wie immer siegte die Gier. Traurig ging ich. Hier wollte ich nicht länger bleiben.

 

Beginn von "Wohlgenannt"

Johann Wohlgenannt war mit seinem Leben als Farmer und Werwolf sehr zufrieden. 

Johann bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof, der ihn und seine Familie  - seine Frau Notburga sowie die beiden Knaben, der sechsjährigen Kaspar und der vier Jahre alte Martin - ausreichend ernährte. Wie die meisten Bauern des Bregenzer Waldes waren die Wohlgeannts Selbstversorger. Ihre Hühner, Schweine und Rinder lieferten Fleisch, Eier und Milchprodukte; Überschüsse wurden alle vierzehn Tage in der Provinzhauptstadt Bregenz gegen Erzeugnisse wärmerer Regionen getauscht. Diese Fahrten, zu denen er die Jungs immer mitnahm, waren die einzige Abwechslung im beschaulichen Alltag des glücklichen Quartetts - mit Ausnahme der Vollmondnächte natürlich.